Bundeskanzler Merz in China - Über ein zunehmend kompliziertes Verhältnis

Bundeskanzler Merz in China - Über ein zunehmend kompliziertes Verhältnis

Der Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in China im Februar 2026 ist eine der wichtigsten außenpolitischen Reisen seiner bisherigen Amtszeit. Er findet in einer Phase statt, in der die Beziehungen zwischen Deutschland, Europa und China neu austariert werden: wirtschaftlich eng verflochten, politisch zunehmend angespannt. Der Aufenthalt in Peking und Hangzhou ist daher weniger ein klassischer Staatsbesuch im Zeichen der Annäherung als eine diplomatische Gratwanderung zwischen Kooperation und strategischer Distanz.

Im Zentrum der Gespräche steht die wirtschaftliche Beziehung beider Länder. China ist weiterhin Deutschlands wichtigster Handelspartner, zugleich aber auch ein zunehmend harter Wettbewerber. Merz betont deshalb das Prinzip „Kooperation, wo möglich – Wettbewerb, wo nötig“. Besonders kritisch sieht die Bundesregierung die massiven industriellen Überkapazitäten in China, etwa in der Stahl-, Auto- und Technologiebranche, die europäische Märkte unter Druck setzen. Diese Frage wurde in den Gesprächen mit Präsident Xi Jinping und Ministerpräsident Li Qiang ausdrücklich thematisiert und soll in weiteren Verhandlungen vertieft werden.

Ein weiteres zentrales Thema ist das wachsende Handelsdefizit Deutschlands gegenüber China, das inzwischen Rekordhöhe erreicht hat. Berlin fordert fairere Wettbewerbsbedingungen, weniger Subventionen für chinesische Unternehmen und besseren Marktzugang für deutsche Firmen. Gleichzeitig möchte Merz die wirtschaftliche Zusammenarbeit ausdrücklich fortsetzen und ausbauen, etwa bei Investitionen und Technologiekooperationen. Diese Doppelstrategie – wirtschaftliche Nähe bei politischer Vorsicht – prägt die gesamte Reise.

Begleitet wird der Kanzler von einer außergewöhnlich großen Wirtschaftsdelegation mit Spitzenmanagern führender deutscher Konzerne aus Industrie, Automobil- und Logistiksektor. Das unterstreicht, dass die Reise stark wirtschaftlich geprägt ist. Mehrere Unternehmensvereinbarungen wurden vorbereitet, darunter große Industrie- und Luftfahrtgeschäfte. Für die deutsche Wirtschaft geht es vor allem darum, bestehende Marktpositionen in China zu sichern und Wettbewerbsnachteile zu reduzieren.

Der Ablauf des Besuchs folgt der klassischen Struktur deutsch-chinesischer Regierungskonsultationen. In Peking traf Merz zunächst Ministerpräsident Li Qiang zu Wirtschafts- und Handelsgesprächen, anschließend folgte das politisch zentrale Treffen mit Staats- und Parteichef Xi Jinping. Neben bilateralen Themen standen dabei auch geopolitische Fragen auf der Agenda – insbesondere der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und Chinas mögliche Rolle in einem Friedensprozess. Deutschland erhofft sich von Peking zumindest indirekten Einfluss auf Moskau, auch wenn China seine Position bisher nicht verändert hat.

Ein weiterer Programmpunkt war der Besuch in Hangzhou, einem Zentrum der chinesischen Digital- und Technologieindustrie. Dort ging es um Innovation, Investitionen und Zukunftstechnologien – Bereiche, in denen Kooperation möglich erscheint, gleichzeitig aber strategische Abhängigkeiten vermieden werden sollen. Diese Station symbolisiert den Versuch, wirtschaftliche Partnerschaft mit technologischem „De-Risking“ zu verbinden, also Risiken zu begrenzen, ohne sich von China abzukoppeln.

Politisch steht die Reise für eine neue deutsche China-Linie unter Merz. Anders als frühere Regierungen vermeidet er eine eindeutige Einordnung Chinas als „Rivale“, betont aber systemische Unterschiede und die Notwendigkeit europäischer Geschlossenheit. Seine Leitlinien lauten: Risikominimierung statt Entkopplung, fairer Wettbewerb, Kooperation trotz Differenzen und stärkere europäische Koordination der China-Politik. Damit positioniert sich Deutschland zwischen wirtschaftlicher Pragmatik und strategischer Vorsicht.

Die politischen Folgen und Aussichten des Besuchs sind ambivalent. Kurzfristig dürfte er vor allem zur Stabilisierung der Wirtschaftsbeziehungen beitragen und konkrete Unternehmensinteressen absichern. Zugleich bleiben die strukturellen Konflikte bestehen: Marktungleichgewichte, staatliche Subventionen, Technologie- und Rohstoffabhängigkeiten sowie geopolitische Differenzen etwa bei Russland oder Taiwan. Merz selbst sprach nach Abschluss der Reise von „weiter bestehenden Herausforderungen“ und kündigte vertiefte Folgeverhandlungen an.

Langfristig zeigt der Besuch, dass Deutschland seine China-Politik neu austariert: China bleibt unverzichtbarer Wirtschaftspartner, wird aber zugleich als strategische Herausforderung verstanden. Die Reise markiert daher weniger einen Neubeginn als eine Neujustierung – hin zu einer Beziehung, die zugleich enger und vorsichtiger, kooperativer und konfliktreicher ist. Für die deutsche Außen- und Wirtschaftspolitik dürfte genau diese doppelte Realität auch in den kommenden Jahren prägend bleiben.

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