Zugfahren in China – Was sich die Deutsche Bahn abschauen könnte
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Wer einmal in China mit dem Zug unterwegs war – vielleicht von Beijing nach Shanghai oder von Guangzhou nach Shenzhen – merkt schnell: Hier funktioniert Schienenverkehr anders. Schneller. Strukturierter. Und erstaunlich reibungslos. Betrieben wird dieses gigantische System von der staatlichen Bahngesellschaft China Railway, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Hochgeschwindigkeitsnetz aufgebaut hat, das weltweit seinesgleichen sucht.
China gilt heute als das Land mit dem größten Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt. In nur wenigen Jahrzehnten entstanden Zehntausende Kilometer Neubaustrecke, auf denen Züge wie der „Fuxing“ mit Geschwindigkeiten von bis zu 350 km/h verkehren. Metropolen mit Millionen Einwohnern sind im Zwei- oder Drei-Stunden-Takt verbunden, Flugverbindungen auf mittleren Distanzen wurden vielerorts faktisch ersetzt. Pünktlichkeit ist nicht die Ausnahme, sondern der Normalzustand. Und wer am Bahnsteig steht, erlebt meist das Gleiche: Der Zug rollt ein, Türen öffnen sich, Passagiere steigen geordnet aus und ein – wenige Minuten später geht es weiter.
Konsequente Investitionen statt Reparaturbetrieb
Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die politische Entscheidung, massiv und langfristig in Infrastruktur zu investieren. China hat nicht nur bestehende Strecken modernisiert, sondern systematisch neue Hochgeschwindigkeitskorridore gebaut – oft getrennt vom langsameren Güterverkehr. Das reduziert Konflikte im Netz und erhöht die Stabilität des Fahrplans.
Deutschland hingegen kämpft seit Jahren mit Engpässen, überlasteten Knotenpunkten und einer Infrastruktur, die vielerorts aus den 1960er- oder 70er-Jahren stammt. Die Deutsche Bahn befindet sich häufig im Reparaturmodus: Baustellen, Sanierungen, kurzfristige Umleitungen. Was China vorgemacht hat, ist eine langfristige, strategische Planung – inklusive klarer Prioritäten und gesicherter Finanzierung.
Standardisierung als Effizienztreiber
Ein weiterer Unterschied liegt in der technischen Standardisierung. In China sind Hochgeschwindigkeitszüge, Signaltechnik und Wartungsprozesse weitgehend vereinheitlicht. Das vereinfacht Instandhaltung, Ersatzteilmanagement und Schulung des Personals. Digitale Steuerungssysteme ermöglichen eine sehr präzise Taktung.
In Deutschland hingegen existieren unterschiedliche Zugsicherungssysteme, historisch gewachsene Technikinseln und komplexe Übergangslösungen. Die vollständige Einführung des europäischen Zugsicherungssystems ETCS verläuft schleppend. China zeigt, wie stark Effizienz steigt, wenn technische Standards konsequent vereinheitlicht werden.
Organisation und Fahrgastlenkung
Auch im Betrieb selbst fallen Unterschiede auf. Bahnhöfe in China funktionieren fast wie Flughäfen: Sicherheitskontrollen, klar getrennte Wartezonen, Boarding-Prozesse nach Ticket. Das mag strenger wirken, sorgt aber für Ordnung und planbare Abläufe. Züge stehen meist nur wenige Minuten – trotzdem herrscht kaum Chaos.
In Deutschland ist der Zugang offener, was Vorteile in der Flexibilität bringt, aber auch Unübersichtlichkeit erzeugt. Fahrgastinformation bei Verspätungen bleibt ein Dauerproblem. Wer in China unterwegs ist, erlebt meist sehr klare, digitale Anzeigen, automatische Ticketkontrollen und strukturierte Abläufe.
Was könnte Deutschland konkret lernen?
1. Netztrennung und Kapazitätsausbau
Schnelle Fernzüge und langsamer Regional- oder Güterverkehr konkurrieren in Deutschland oft um dieselben Trassen. Der konsequente Ausbau separater Korridore – wo möglich – würde Stabilität erhöhen.
2. Langfristige Investitionsstrategie
Statt politischer Haushaltszyklen braucht es verlässliche, mehrjährige Finanzierungsmodelle. Infrastrukturplanung funktioniert nicht im Vier-Jahres-Rhythmus.
3. Digitalisierung beschleunigen
Digitale Stellwerke, automatisierte Prozesse, moderne Leit- und Sicherungstechnik sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für Pünktlichkeit.
4. Klare Prozessorganisation
Boarding-Strukturen, bessere Lenkung von Fahrgastströmen, vereinfachte Tarifmodelle – viele kleine Stellschrauben könnten große Wirkung entfalten.

Unterschiedliche Systeme, unterschiedliche Voraussetzungen
Natürlich muss man fair bleiben: China konnte auf der „grünen Wiese“ planen, während Deutschland mit gewachsenen Strukturen, Denkmalschutz, komplexem Planungsrecht und dichter Besiedlung arbeitet. Politische Systeme unterscheiden sich erheblich, ebenso Entscheidungswege und Umsetzungszeiträume.
Doch der Vergleich zeigt: Wenn Infrastruktur zur strategischen Priorität erklärt wird, lassen sich enorme Fortschritte erzielen. Der chinesische Bahnboom ist kein Zufall, sondern das Resultat klarer politischer Zielsetzungen und konsequenter Umsetzung.
Fazit
China demonstriert, wie leistungsfähig moderner Schienenverkehr sein kann, wenn Investitionen, Standardisierung und Organisation zusammenspielen. Für Deutschland bedeutet das nicht, das System eins zu eins zu kopieren. Aber es bedeutet, sich ehrgeizige Ziele zu setzen.
Wenn die Deutsche Bahn wieder zu einem Symbol für Zuverlässigkeit, Tempo und Nachhaltigkeit werden soll, braucht es Mut zur strukturellen Reform – und den Willen, Schienenverkehr als Rückgrat moderner Mobilität zu begreifen. China liefert dafür zumindest ein eindrucksvolles Beispiel.