Osmanthus – wie der Herbst in China duftet

Osmanthus – wie der Herbst in China duftet

Wenn der Herbst Einzug hält und die Tage kürzer werden, verändern sich auch die uns umgebenden Gerüche. Feuchtes Laub liegt auf den Straßen, die Erde riecht nach Regen oder Pilzen, und in den Küchen werden Äpfel geschnitten und warme Getränke wie Tee oder Kakao zubereitet. Der Herbst besitzt eine besonders sinnliche Atmosphäre, und speziell in China gehört ein Duft in diese Jahreszeit, den viele Menschen hierzulande noch nie bewusst wahrgenommen haben. Er ist blumig, süß und erinnert an reife Aprikosen oder Pfirsiche. Zwischen Häusern, an Straßen und in Gärten kann er plötzlich in der Luft liegen, und wer seinem Ursprung folgt, entdeckt kleine, dicht an den Zweigen sitzende Blüten. Sie gehören zum Osmanthus.

Der botanische Name Osmanthus fragrans bezeichnet einen immergrünen Strauch oder kleinen Baum, der im Deutschen auch als Duftblüte bekannt ist. Seine festen, dunkelgrünen Blätter wirken unauffällig, und auch die einzelnen Blüten sind nur wenige Millimeter groß. Vier kleine Blütenblätter bilden jeweils einen zarten Stern. Je nach Sorte erscheinen sie cremeweiß, gelblich oder orange.

In China wird die Pflanze seit rund 2.500 Jahren kultiviert. Sie wächst in Gärten und wird in wärmeren Regionen auch als Straßenbaum gepflanzt. Ihre Blüte kann damit einen ganz gewöhnlichen Heimweg begleiten: vorbei an Geschäften, durch einen Park oder entlang einer Hausmauer, hinter der ein alter Baum steht.

Besonders eng ist Osmanthus mit Hangzhou verbunden, der Stadt am berühmten Westsee. Die Pflanze ist ihre offizielle Stadtblume. Südwestlich des Sees liegt Manjuelong, ein Ort mit einer langen Tradition des Osmanthusanbaus. Zur Blütezeit kommen Besucher hierher, um zwischen den Bäumen spazieren zu gehen, Tee zu trinken und die süßen Spezialitäten der Saison zu probieren.

Die Blüte wird dort zu einem Anlass, einen Nachmittag im Freien zu verbringen. Man muss dafür kein großes Ausflugsprogramm planen. Ein Weg zwischen den Bäumen, ein Platz zum Sitzen und eine Tasse Tee gehören bereits zum Erlebnis. Zugleich ist die duftende Jahreszeit durchaus geschäftig: Manjuelong zieht während der Blüte viele Menschen an, und neben den Bäumen spielen die kleinen kulinarischen Entdeckungen eine wichtige Rolle. Denn Osmanthus lässt sich auch schmecken. Seine Blüten werden zum Aromatisieren von Tee, Süßspeisen und Getränken verwendet. Getrocknet können sie etwa grünem oder schwarzem Tee ihre fruchtig-blumige Note verleihen. Auch in Kuchen, süßen Aufstrichen und Wein finden sie Verwendung. Die winzigen Blüten besitzen damit eine erstaunliche Reichweite: vom Zweig über dem Gartenweg bis zur Teeschale auf dem Tisch.

In Manjuelong werden die Blüten traditionell vorsichtig von den Bäumen geklopft und anschließend zu verschiedenen Speisen verarbeitet. Osmanthuskuchen und mit den Blüten aromatisierter Longjing-Tee gehören zu den örtlichen Spezialitäten. So wird aus einer kurzen Blütezeit etwas, das sich sammeln, zubereiten und mit anderen teilen lässt. Darin zeigt sich eine schöne Verbindung zur Teekultur anderer asiatischer Regionen. Die Zutaten und Geschichten unterscheiden sich, doch eine Tasse Tee bietet vielerorts einen Anlass, sich zusammenzusetzen. Beim Osmanthustee kommt die Jahreszeit selbst mit auf den Tisch. Der Duft, der gerade noch zwischen den Bäumen lag, steigt nun aus dem warmen Wasser auf.

Auch in den Erzählungen Chinas hat der Osmanthus seinen Platz. Seine Blüte im Spätsommer und Herbst verbindet ihn mit dem Mondfest. Eine bekannte Überlieferung erzählt von Wu Gang, der auf dem Mond einen Osmanthusbaum fällen soll. Doch nach jedem Schlag schließt sich die Wunde im Stamm wieder. Der Baum heilt, und die Arbeit beginnt von Neuem. Die Geschichte wurde zu einem Bild für eine endlose Aufgabe, ähnlich wie der Mythos des Sisyphos in der westlichen Kultur. 

Beim Blick in den herbstlichen Nachthimmel erhält der Osmanthusbaum dadurch eine zweite Gestalt. Unten auf der Erde stehen seine Blüten in den Gärten; oben auf dem Mond wächst sein unverwundbares Gegenstück. Eine Pflanze wird über Generationen hinweg gepflegt, besungen, verarbeitet und mit Erinnerungen verbunden, was ein schönes Beispiel dafür ist, wie Naturbeobachtung und Phantasie einander bereichern können, und wie aus ihrem Zusammenspiel so etwas wie Tradition und Kultur entstehen kann.

Wie tief die Pflanze in der Landschaft Chinas verwurzelt ist, zeigt sogar ein Städtename. Guilin, bekannt für seine markanten Karstberge, bedeutet sinngemäß „Wald der Duftblütenbäume“. Wer den Namen bisher nur mit Flüssen und steil aufragenden Felsen verbunden hat, kann sich dazu nun einen weiteren Eindruck vorstellen: den Duft blühender Bäume an einem warmen Herbstabend.

Hier bei uns werden unterdessen die Abende kühler. Fenster schließen sich früher, eine Lampe wird eingeschaltet, und auf dem Tisch stehen wieder dampfende Tassen und Kerzen. Vielleicht ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, einen bislang unbekannten Duft kennenzulernen. Ein Osmanthustee kann eine kleine Begegnung mit dieser anderen Herbstlandschaft sein. Aus der Tasse steigt ein Hauch von Blüten und reifen Aprikosen, und für einen Augenblick lässt sich erahnen, weshalb Menschen in Hangzhou jedes Jahr darauf warten, dass diese kleinen Bäume wieder zu duften beginnen.

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